»Ich hab Polizei« als gymnasiale Lernumgebung

Du willst Stress ohne Grund? Dann mach Stress ohne Grund! Denn hier ist Nichts als die Wahrheit aus dem Leben und Tod von Jan Böhmermann! Payback… der Tag des dümmsten Gesichts! Denn das wirst du machen, wenn ich meine Freunde hole! Ihre Nummer hat nur drei Zahlen, bitch!
– Jan Böhmermann, Ich hab Polizei, Youtube-Begleittext

Jan Böhmermann hat ein feines Gespür für den Humor netzaffiner junger (und nicht mehr ganz junger) Erwachsener. Mit seinem Rap-Song »Ich hab Polizei« hat er Ende November einen Hit gelandet. Auf Youtube hat das Video bereits über 4.5 Millionen Klicks erhalten und ist in den Top10 der deutschen iTunes-Charts.

Das Projekt von Böhmermann und seinem Team hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Wesentliche Aspekte dieser Diskussion eigenen sich für den gymnasialen Deutschunterricht. Im Folgenden seien einige Diskussionspunkte und Lernaspekte skizziert:

  1. Die verwendete Sprache.
    »Ich ruf Polizei, Polizei sofort zu Stelle. /  Kelle raus, Handschelle,  gute Nacht, Gewahrsamzelle. / Hast du große Fresse -ZACK- / gehst du Knast, nicht mehr frei. / Heb mal bitte Seife auf,  / der Boss im Knast heißt Polizei! / Polizei ist höflich und immer korrekt. / Polizei belauscht heimlich dein LIDL connect. / Polizei macht nur, was Polizei will. / Und wenn du dich beschwerst, glauben alle Polizei!«
    Böhmermann verwendet einen »Kanak-Slang«, wie das Oliver Marquart bei rap.de formuliert hat: »Tut das ein hellhäutiger Mittelstandsdeutscher, hat es immer einen faden Beigeschmack, einen Hauch von Herablassung und Anmaßung.«
    ***Hier bietet sich eine Einführung in die Analyse des Türken-Ethnolekts an, wie sie beispielsweise Auer und Androutsopoulos in den frühen 00er-Jahren vorgenommen haben. Zu fragen wäre dann, ob Böhmermann mit der Verwendung eines tertiären Ethnolekts Menschen herabsetzt, die einen primären oder sekundären sprechen. Zudem müsste untersucht werden, ob eine Unterscheidung zwischen der Verwendung des Ethnolekts durch ernsthafte Deutschrapper wie Haftbefehl (auf den wir uns hier der Einfachheit halber konzentrieren) und Böhermann besteht – und wie man sie begründet.***
  2. Die Rap-Szene und ihr Milieu. 
    »Ich finde es toll, dass es so Charaktere gibt, die untereinander Beef haben«, sagte Böhermann im Januar 2015 in einem Interview. Damit interpretiert er den deutschen Gangsterrap als eine inszenierte Show. In der Kritik am Song, etwa von Marcus Staiger, wird Rap aber als Ausdruck sozialer Benachteiligter verstanden: »Das Bildungsbürgertum schlägt zurück: Jeglichen Inhalt in den Texten ignoriert ihr vollkommen und macht euch nur noch über die Form lustig. Ihr verarscht Leute, weil sie weniger Bildung haben, weil sie weniger Geld besitzen und weil sie gesellschaftlich unter euch stehen. Das ist schon ganz cool.  […] Das Beste an deinem Song aber ist, dass er gar kein Witz ist, sondern die pure Wahrheit. Wahrscheinlich ist dir das selbst gar nicht aufgefallen, aber es stimmt, dass die reale Macht in diesem Land genau so verteilt ist, wie du es beschreibst. Die da unten können nämlich wirklich machen, was sie wollen, sie können sich schlägern und mit Gewalt drohen, sie können sich aufplustern und die Macheten schwingen, an den realen Verhältnissen wird sich gar nichts ändern. Im Zweifelsfall regeln nämlich eure Anwälte das für euch.«
    Auch Yonca Julia Pulur schlägt in dieselbe Kerbe und verbindet Sprachverwendung mit Klassenkritik: »
    Der ironische Umgang mit Straßenrap ist ein Ausweg aus einem internen Dilemma [der Gebildeten], denn: sich Straßenrap zu verweigern ist unmöglich – sonst war’s das mit dem gesicherten Platz im Club der coolen Kids. […] Das Kanak-Deutsch, über das sich deine Mutter manchmal so aufregt, wird plötzlich zur eigenen Sprache. Aber natürlich alles nur aus Spaß. Und eben jener ironischer Umgang mit etwas, das nicht verstanden wird, ist ein Ausdruck bildungsbürgerlicher Arroganz par excellance. Die Lebenssituation und -realität von sozial und wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen wird ins Lächerliche gezogen, indem ihre Ausdrucksform annektiert und mit einem breiten Grinsen am Ende des Satzes versehen wird. Der Sache wird nicht mehr mit Ablehnung begegnet, sondern durch Herabwürdigung und Humor beherrschbar. Das alles mit einem wohlwollenden Lächeln auf den Lippen, als sei man “denen da unten” einen Schritt näher gekommen. Als sei man plötzlich Teil der Posse, zu der man zwar niemals gehören möchte, aber deren breite Akzeptanz es einem schwerer macht, seinen Armutsrassismus weiter so offen kund zu tun.« 
    ***Unterrichtsrelevant ist an diesem Aspekt die Frage der Authentizität. Ist Rap die Kunst und Ausdruck armer Migrantinnen und Migranten, die daran ein spezifisches Recht haben und die durch die Persiflage herabgewürdigt werden?***
  3. Ironie und Humor verbieten? 
    David Hugendick hat in der Zeit die ganze Debatte aufgerollt und weist dabei auf einen Konflikt der Kritikerinnen und Kritiker an Böhmermann hin: »Allerdings ist die humoristische Annäherung ans Objekt ein durchaus legitimes Mittel der Kunstrezeption. Sie bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein Milieu veralbert wird oder, wie im konkreten Fall, diese Musik vom gut situierten Mittelschichtmilieu vereinnahmt und damit ihrem ursprünglichen Habitat entrissen wird. Nein, diese Böhmermann-Kritik schlägt schon eine seltsame Volte: Einerseits verurteilt sie den vermuteten Dünkel einer Elite, die sich witzelnd über den Gangsterrap beugt. Andererseits stellt sie eine subkulturelle Hausordnung auf, die vorschreibt, wie man diese Musik zu hören und zu erzeugen habe, wenn man mitspielen möchte.«
  4. Einen Code dekodieren. 
    »[D]ie Wahrheit ist ziemlich einfach: Böhmermann hat Straßenrap und seine Mechanismen verstanden und kann ihn deshalb besser dekodieren, als so manche Heads, die in der Romantisierung des Straßenraps, die eigene, falsche Scham vor der mittelklassigen deutschen Herkunft verstecken. Die größten Romantisierer wohnen nicht in den sozialen Brennpunkten und die dort wohnen, wollen zur Mehrheit weg. […] Böhmermann heißt euch willkommen in der Kulturkritik! Und HipHop sollte die Einladung annehmen. Das ist die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlich gegebenen. Ihr könnt keine Pop-Stars produzieren („Pop“ hier im Wortsinn „populär“ gemeint <- merkt ihr was?) und euch dann beschweren, dass es darüber eine Reflexion provoziert wird.« Diese Kritik von Mathias Richel zeigt, dass Straßenrap ein Genre ist, dessen Code im Mainstream angelangt ist.
    ***Sind die Symbole dieser Kulturform Ausdruck einer übergeordneten Problemanalyse? Sind die Gewalt, die Sexualität, die (Bild-)Sprache, die Handlungsmuster etc. im Straßenrap nur Zeichen, die keine wörtliche Bedeutung mehr haben, sondern ähnlich wie die Duelle und die Konflikte im Western eine Auseinandersetzung zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen oder Wilden und Zivilisierten inszenieren und problematisieren?***
  5. Identifikationsangebot oder Kritik an Polizeigewalt? 
    Einen weiteren Aspekt bringt der Rassismus-Experte Floris Biskamp bei publikative.org ins Spiel. Er bemängelt, die subtile, aber oberflächliche Polizei-Kritik im Video sei zu wenig stark, um ein Identifikationsangebot zu verdecken – das besonders die Polizei und »Law-and-Order-Fetischist_innen« anspreche: »Diese wird zwar in mancher Hinsicht kritisiert, jedoch fällt diese Kritik so ironisiert und marginal aus, dass die Freude darüber überwiegen dürfte, endlich einmal in einem ansprechend produzierten Rap-Track als coole, krasse Gang portraitiert zu werden, die alle anderen weghaut und dabei noch die Seite der Guten repräsentiert. Gerade diejenigen Polizist_innen, die gerne einmal etwas härter zulangen, dürften sich kaum davon abgeschreckt fühlen, dass Böhmermanns Polizei, ein wenig über die Stränge schlägt. „Polizei darf das!“ Entsprechend fallen die Reaktionen aus Polizeikreisen bislang sehr positiv aus: Die Kritik wird als Witz hingenommen, die grundsätzliche Ausrichtung als Lob der eigenen Arbeit interpretiert.«
    ***Die einfache Frage lautet: Wie unterbreiten Text und Video (wem) Angebote zur Identifikation?«
  6. Die Fehde. 
    »C-O-P-K-K-K-I-L-L-A in eure Gesichter! / Die Medaille hat immer zwei Seiten…«, schreibt Haftbefehl, den Böhmermann imitiert hat, auf seinem Facebook-Profil und antwortet mit einem eigenen Song, der zentrale Elemente von »Ich hab Polizei« aufnimmt: »Schäferhund«, »Pfefferspray«, »Koks in Asservatenkammer« etc.
    Die jetzt-Redaktion schreibt dazu: »Mit seiner Antwort hat Haftbefehl das Duell offiziell angenommen. Mit einem eigenen Track auf einen Verarschungs-Track zu antworten, bedeutet in der Welt des Rap nichts anderes, als den Fehdehandschuh aufzuheben, der einem hingeworfen wurde. Dass Haftbefehl Böhmermann einen Antwort-Track widmet, heißt: Jan, jetzt ist Beef. Jan, jetzt ist Battle-Time. Und das wiederum heißt vor allem: Jan, ich nehme dich ernst. Was wahrscheinlich die kontraproduktivste Reaktion ist, die ein Gangster-Rapper zeigen kann, wenn ihn ein Comedian angeht. Denn eigentlich müsste einer wie Haftbefehl da doch drüber stehen. Einer, der von sich sagt, dass er die ganze Bosheit und Scheiße des Ghetto-Gangster-Drogenhandel-Gewalt-Lebens gesehen hat, kann doch auf ein Video wie „Ich hab Polizei“ nicht so reagieren: mit einem Video, in dem er sich als genau der Bad Boy stilisiert, den Böhmermann verarschen wollte.«
    ***Die Fehde bietet nun viele Abstecher in die Literaturgeschichte – primär wohl in die Persiflagen im Minnesang, der Kampf um Publikum und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ermuntert sie auch zu einer kritischen, vergleichenden Lektüre der beiden Texte. Was meint Haftbefehl jetzt ernst? Ist das der Song eine Drohung
  7. Geschlechterrollen.
    Böhmermann bringt Frauen ins Spiel (doppelbödig: »Pferdeschwanz«), imitiert aber bei der Motorradszene die Ästhetik Kanye Wests, die schon James Franco und Seth Rogen ironisch kommentiert haben.
    ***Tritt Böhmermann ebenfalls als Macker auf? Kann man ihm vorwerfen, dass er zu wenig mit den Möglichkeiten operiert hat, die auch eine Kritik an den Geschlechterrollen im Gangster-Rap eröffnet hätte?***

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